Nun gelte ich also als erschöpft. Habe ein Arztzeugnis dafür und bin nicht mehr so leistungs- und arbeitsfähig wie früher. Dadurch, dass ich dies transparent hier wie auf Linkedin teilte, gab es durchaus Resonanz. Wie habe ich diese auf- und wahrgenommen? Was war für mich hilfreich, was weniger, in diesem Spagat von «Ich möchte und sollte doch leisten» und «Ich habe versagt und zweifle an mir selbst»?
Da war erst einmal so unglaublich viel Verständnis und Aussagen im Sinne von «Gut machst du das» und «Die Gesundheit ist am Wichtigsten». Es war wertvoll, diese Bestätigungen, ja Ermutigungen, diesen Schritt zuzulassen – ohne dabei irgendeinen Vorwurf zu hören. Ich habe sowieso schon ein schlechtes Gewissen. Es braucht niemanden, der mir dies noch zusätzlich verstärkt.
Was auch gut tat, waren diejenigen Personen, die mir zwar Hilfe anbieten, aber es trotzdem schaffen, mich in dieser neuen, aussergewöhnlichen Situation genau gleich zu behandeln wie vorher. Gleich mit mir sprechen, sich melden, mitteilen. Es drückt für mich ein gesundes Selbstverständnis aus im Sinne von: Ja du bist erschöpft, aber ich weiss ich habe Platz in deinem Leben, bin nicht Schuld daran und bin weiterhin gerne Teil davon.
Da waren auch konkrete Hilfsangebote: Wenn du magst, können wir gerne reden, uns treffen, ich helfe dir bei Task X oder finanziell. Es braucht für mich viel, das anzunehmen. Mein Lernfeld. Hier merke ich, dass es sehr personenabhängig ist, von wo diese Angebote kommen. Das geht von: Nein, das Treffen mit dieser Person wäre grad nur Stress, hin zu grosser Dankbarkeit und Ehrfurcht, so ein Angebot überhaupt zu bekommen. Wenn z.B. ein Familienvater, der selber schon unglaublich eingebunden ist, geschäftlich wie privat sich einen Samstag rausnehmen würde, um mir beim Umzug zu helfen – das bewegt mich schon innerlich.
Dann gab’s aber auch Rückmeldungen, bei denen ich mir dachte: Du hast den Ernst der Lage vermutlich nicht erkannt. «Ich hoffe, dir geht es bald besser. Hier ist Thema X, hier ist meine Erwartung Y – aber nimm dir jetzt genügend Zeit.». Schwierig anzunehmen waren solche Nachrichten primär dann, wenn es sich bei Thema X und Erwartung Y eben genau um etwas gehandelt hat, was zu meiner Erschöpfung geführt hat. Und eine einzige einer solchen Nachricht hat das Potential, eine ganze Erholung zunichtezumachen. Das betrifft private Themen, aber auch Vorgesetzte, die sich via WhatsApp geschäftlich melden.
Ich merke auch, wie die Situation mich herausfordert, mein Selbstbild zu überdenken. Denn mich über die Arbeit zu definieren, ist grad nicht möglich. Ich war an einem Grillfest und merkte, wie die Frage «Was arbeitest du?» ganz anders in mir wirkt als bisher. War meine Antwort «IT Projektleiter» früher eher der Ausdruck von «Ich arbeite gerne in diesem Beruf, bin stolz darauf, kann das gut» schwingen jetzt Gedanken mit «Ich arbeite ja eigentlich gar nicht mehr, werde ich überhaupt wieder gleich arbeiten können, darf ich mich noch so nennen». Aber was mich definiert ist eben nicht, war nie, ausschliesslich mein Beruf. Ich bin es. Mit meiner Persönlichkeit, meinen Werten, die in so viel mehr einen Ausdruck finden als ’nur‘ in Arbeit.
Und was ist es, das bei diesen nagenden Selbstzweifeln und dem Prozess, mich auf eine Art neu zu finden, am meisten hilft? Es sind Menschen, Kollegen, die ehrlich von sich selbst erzählen und zwar nicht von Höhepunkten, sondern Tiefpunkten im Leben. Da erfahre ich von gestandenen Männern und Frauen, kompetenten Arbeitskollegen, guten Freunden plötzlich: Weisst du, ich war auch mal an diesem Punkt, hatte eine Auszeit, war erschöpft, hatte Panikattacken, Selbstmordgedanken. Da kamen so viele Geschichten ans Licht von Personen, bei denen ich es nie erwartet hätte. Was macht das mit mir? Es ändert meine Perspektive auf das, was ’normal‘ ist, hilft mir, einzuordnen, mich nicht als Aussätziger zu fühlen. Ich fasse neuen Mut, fühle mich nicht alleine, fühle mich verstanden und sehe, dass ein Ausweg möglich ist.
Und damit möchte ich dir Mut machen. Teile deine Tiefpunkte, deine Misserfolge, deinen Schmerz genau so wie deine Erfolge, es wird dir gut tun – und deinem Gegenüber erst recht!
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