Es geht nicht mehr

Die Nummer von meinem Hausarzt ist eingetippt. Ich schaffe es aber nicht zu wählen, schaue immer und immer wieder auf den Display, überlege mir fieberhaft seit Minuten das Szenario wiederholt durch. Dann drücke ich irgendwann doch auf ‚anrufen‘. «Hier ist Michael, ich habe das Gefühl ich stehe kurz vor einer chronischen Erschöpfung und möchte mit meinem Hausarzt sprechen, habt ihr heute einen Termin?».

Direkt danach fühle ich Erleichterung, über den sich richtig anfühlenden Schritt. Dann werden aber ganz viele Stimmen laut: Du hast versagt, du bist dem Druck nicht gewachsen, du bist schwach, deine Karriere ist durch, dir wird gekündigt, du wirst diesen Job nie mehr so machen können, du wirst nie mehr als Projektleiter ernst genommen, du lässt deine Kollegen im Stich, du kannst jetzt nicht krank sein.

Wie ist es so weit gekommen? Privat Herausforderungen auf diversen Ebenen, geschäftlich ein herausforderndes Projekt, das nicht aus dem Status ‚rot‘ herauskommt, Schlafprobleme, zu viele Aufgaben – zu wenig Zeit. Ich wusste, es ist viel. Schon seit Jahren ist kaum Erholung da. Das hat sich dann eine Stunde vor dem im Einstieg erwähnten Telefonanruf so gezeigt, dass ich vor meinem Kalender, meinen Teams-Nachrichten sowie E-Mails stand und mich einfach nur noch überfordert und handlungsunfähig fühlte. Ich war nicht mehr in der Lage, zu arbeiten. Es ging nicht mehr. Und ich wusste, nun bin ich am Punkt, wo ich reagieren muss, es nicht mehr ohne Unterstützung geht.

Dieses Eingeständnis, Hilfe zu brauchen und anzufragen, ist mir schon immer schwer gefallen. Irgendwie deute ich das jeweils als Schwäche. Und ich will nicht schwach sein. Spannenderweise war aber das Feedback meiner Kollegen zu meinem Schritt durchgehend genau umgekehrt und lässt sich zusammenfassen mit «Stark! Gut, hast du das gemacht».

Nun bin ich das erste mal ohne physische Symptome teilweise krank geschrieben. Und dadurch wird sichtbar: Ich bin nicht der unfehlbare, immer leistungsfähige Projektleiter, der Projekte wie Leben zu jeder Zeit im Griff hat. Ich bin Mensch, meine Kraft und Energie sind endlich. Und ich teile das transparent auch mit dir, dem Leser meiner Blog-Beiträge, um dir Mut zu machen. Mut, auf deinen Körper zu hören. Mut, für dich einzustehen und zu sorgen. Mut, Grenzen einzugestehen und zu setzen. Hilfe zu holen.

  • Michael Lutz

    IT Projektleiter bei der isolutions AG. Begeistert von Menschen und Technik.


Verwandte Beiträge

Smile & Wave
Kommunikation

Smile & Wave

Präsenz markieren
Führung

Präsenz markieren

Ungefiltert
Integrität

Ungefiltert

Kommentare

Aktuell gibt es keine Kommentare