Kannst du dich noch an deine erste Autofahrt nach der bestandenen Fahrprüfung erinnern? Der Fahrlehrer steigt aus, du sitzt das erste Mal alleine im Auto – und darfst losfahren. Du entscheidest, wohin, wann, wie. Da ist plötzlich eine neue Freiheit und Freude! Ja, es braucht Mut. Da werden weiter Fehler passieren und es wird kein Fahrlehrer mehr da sein, der sie für dich korrigiert. Aber du weisst, du wirst daraus lernen und ein immer besserer Fahrer werden!
Projekte leiten, erinnert mich stark an Auto fahren: Man steuert, entscheidet, wohin man fährt, wie schnell, wann man anhält. Möchte Fahrzeug und Beifahrer so schnell, günstig wie möglich ans Ziel bringen – möglichst so, dass es ihnen nicht schlecht wird und sie die Fahrt geniessen können.
Was aber, wenn der Projektleiter, der Fahrer plötzlich fremdgesteuert ist? Also wenn plötzlich die Beifahrer besser wissen, wie gefahren werden soll und das einfordern? Dann wird die Reise schwierig, anstrengend und die Freude am Fahren erlischt.
Du spürst es vielleicht schon, ich habe sowas in einem meiner Projekte erlebt, das hohe Management Attention hatte. Entsprechend viele Fahrten (Meetings, Teams Chats) waren notwendig. Ich sitze also nicht mehr alleine im Auto, sondern jede Bewegung am Steuerrad wird plötzlich gesehen, kommentiert und hinterfragt. Und naturgemäss sind diese Beifahrer ‚Alphas‘, also selbstsichere Personen mit einer starken Meinung und aufgrund des C-Levels auch mit der Macht, diese einzufordern.
Bei einer Autofahrt könnte das so tönen:
Beifahrer 1: Diesen Gang einzulegen macht keinen Sinn, so fährst du zu ruppig. Es braucht Gang X.
Beifahrer 2: Ich würde das Steuer weniger stark einschlagen.
Beifahrer 3: Der Steuereinschlag passt schon, aber die Handstellung ist nicht optimal.
Und bei einem Projekt so:
Person 1: Diesen Satz auf der Folie können wir nicht schreiben, das drückt X aus.
Person 2: Ich würde Y schreiben.
Person 3: Ich finde die Formulierung von Person 2 gut, aber würde noch Z ergänzen.
Raus kommt beim obigen Beispiel dann halt oft ein Satz, bei dem ich meine Meinung unterordnen muss und hinter dem ich entsprechend als Projektleiter nicht mehr zwingend stehen kann. Ich bin es aber am Schluss dann, der fahren soll, also diesen Satz in Kundenmeetings möglichst überzeugend vertreten. Für mich oft ein Interessenkonflikt.
Was ich dadurch erlebe, ist starke Verunsicherung. Wenn jeder Knopf, den ich drücke beobachtet, kontrolliert wird und ich schlussendlich doch nur die Knöpfe drücken darf, bei denen andere glauben, dass sie gedrückt werden müssen, dann fühle ich mich als Projektleiter zahnlos und handlungsunfähig. Dann entsteht bei mir das Gefühl, dass mein Fahrstil nicht passt und ich eigentlich das Steuer lieber abgeben möchte, als in einen Fahrstil gedrängt zu werden, der nicht ‚der Meine‘ ist.
Meetings mit Management-Unterstützung sind für schwierige Projektsituationen und Eskalationen kritisch und ich spreche deren Notwendigkeit nicht ab. Der Schlüssel liegt vermutlich darin, es dort zu schaffen, immer Vertrauen und Wertschätzung mehr Gewicht zu geben, als Kontrolle und der Befehl. Oder um die Analogie vom Fahren nochmals zu bemühen: Dem Fahrer vertrauen und ihm seinen Fahrstil zu lassen. Aber durchaus Tipps zu geben, wie man besser ans Ziel kommt: «Schau, ich kenne diesen Hügel vor uns, die Strasse dadurch ist zwar der schnellste Weg, aber den Beifahrern wird es wegen den vielen Kurven vermutlich schlecht, es gäbe eine Strasse rundherum, was denkst du?».
Und sollte es effektiv der Fahrstil sein, der nicht passt – dann ist es vermutlich manchmal nachhaltiger und sinnvoller, einen passenden Fahrer zu suchen, als den Fahrstil des Fahrers verändern zu wollen. Oder auf Projekte bezogen: Jeder Projektleiter hat seinen Stil, seine Art, seine Vorgehensweise. Und der passt nicht immer auf jedes Projekt.
Und dazu möchte ich dir mit meinem Beitrag Mut machen, dass du zu dir, deiner Art stehst. Sie ist nicht falsch, sie passt einfach nicht immer.
Ich wünsche dir eine gute Fahrt 🙂
Kommentare
Reto
Mut ist ein Schlüsselwert von agilen Vorgehensweisen. Du hast hier ein schönes Beispiel beschrieben, in welchem man Mut braucht. Vielen Dank für diesen Beitrag.
Angelika
Toller Text, der das Dilemma sehr gut beschreibt!